Die Entstehungsgeschichte des PST‑R
Wie aus einer unerklärlichen Diskrepanz zwischen zwei etablierten Testverfahren ein neues Verständnis der Persönlichkeit wurde — und daraus der PST‑R.
Der Ausgangspunkt
Der Autor des PST, Univ. Prof. Dr. Michael Dieterich, beschäftigte sich seit seiner Dissertation mit den Begriffen „Berufsreife“, Diagnostik und Begutachtung. Durch die Diskussion mit seinen Studenten wurde klar: Die „Momentaufnahme“ bisheriger Testverfahren kann nur ein Teilaspekt der Beratung sein.
An das damalige Institut für Praktische Psychologie in Zürich wurde zudem immer wieder die Frage herangetragen, ob man Testergebnisse mit gezielten Förderprogrammen verbessern könne. Ein Test, der nur beschreibt, aber nicht fördert, greift zu kurz — dieser Gedanke wurde zum Leitmotiv.
Ein Widerspruch, der keiner war
In der Praxis stellte Dieterich regelmäßig uneinheitliche Testwerte fest: Immer wieder gab es Personen mit deutlichen Werten in der Kontaktorientierung im 16 PF und zugleich hohen Werten in Richtung Introversion im EPI. In gleicher Weise entdeckte er Unterschiede zwischen der emotionalen Widerstandsfähigkeit des 16 PF und der stabilen Emotionalität im EPI.

Das Fallbeispiel: der Hörfunkredakteur
Ein beliebter Hörfunkredakteur litt unter zunehmender Belastung mit Schlafstörungen und Depression. Als bekannter Rundfunkjournalist lieferte er spritzige und gern gehörte Beiträge — seine Familie erlebte zuhause nach Dienstschluss jedoch einen oft erschöpften Vater.
Im 16 PF erreichte er hohe Werte in der Kontaktorientierung — das entsprach dem allseits bekannten Bild des beliebten Journalisten. Im EPI zeigte er hingegen eine starke Introversion. Die Interviews machten deutlich: Nach außen zeigte er einen Wesenszug (Kontaktfreudigkeit), der sich in seiner Grundstruktur (Introversion) nicht fand.
Dieterich schlug ihm vor, genau das zu akzeptieren: nach Feierabend zuerst ein wenig auszuruhen, Entspannungsübungen durchzuführen und erst danach mit Frau und Kindern zu plaudern — das führte umgehend zu einer Verbesserung seines Zustandes.
Persönlichkeit hat Schichten
Dieterich führte die Diskrepanzen darauf zurück, dass der 16 PF mehr äußerlich sichtbare Merkmale kennzeichnet — die Wesenszüge —, das EPI hingegen mehr verborgene und stabilere Merkmale abbildet: die Grundstruktur.
Wesenszüge
- Deutlich sichtbar — prägen den äußeren Eindruck
- Leichter veränderbar: steile Lernkurve, rascher Lernerfolg
- Im PST‑R als 16 Wesenszüge erfasst
Grundstruktur
- Nach außen nur schwer wahrnehmbar
- Stabiler — Veränderung erfordert größere Lernanstrengungen
- Vererbt oder in früher Kindheit erworben
Tiefenstruktur
- Die ältesten Merkmale — aus frühester Kindheit und/oder mit größeren vererbten Anteilen
- Sehr stabil: flache, gesättigte Lernkurve, kaum Änderungen möglich
- Konzepte der Tiefenpsychologie (Riemann, Adler)
Die unterschiedliche Stabilität der Persönlichkeitsmerkmale ist erklärbar: Ein Teil der Persönlichkeitsmerkmale ist vererbt und damit sehr stabil; ein Teil durch früheste Erfahrungen und individuelle Verarbeitung ähnlich nachhaltig und stabil wie die vererbten Anteile.
Merkmale, die aus mittlerer und jüngerer Entwicklung entstanden sind, sind durch Lernprozesse (Motivation und Sozialisation) entstanden und nicht so nachhaltig und stabil wie das frühest erworbene Potential.
Vom PST zum PST‑R
Aus der Schichten-Erkenntnis wurde ein Testverfahren — und mit der Revision zum PST‑R kamen weitere Bausteine hinzu.
16 Wesenszüge, 5 Globalfaktoren
Durch eine nochmalige Faktorenanalyse ergibt sich eine zusammenfassende Beschreibung der 16 Wesenszüge durch 5 Globalfaktoren — grob vergleichbar mit den „Big Five“. Die Globalfaktoren sind die „Zusammenfassung“, die 16 Wesenszüge die „Einzelheiten“.
Die Offenheitsskala
Die Offenheitsskala (auch „Lügenskala“) beschreibt, wie offen auf die Fragen geantwortet wurde — ob zum Beispiel nur sozial erwünschte Antworten gegeben wurden. Sie schließt sich im PST‑R-Bogen den 16 Wesenszügen an und gibt Anhaltspunkte für die Auswertbarkeit.
Grundstruktur ohne Wertung
Die beiden Variablen der Grundstruktur entsprechen den „Big Two“ aus FPI bzw. EPI: Introversion (introvertiert vs. extravertiert) und Psychische Beweglichkeit (flexibel vs. stabil). Wegen der angestrebten Begriffsneutralität ersetzte Dieterich den ursprünglichen Begriff „Neurotizismus“ bewusst durch „Psychische Beweglichkeit“ — für beide Pole formulierte er Versprachlichungen, die positive und negative Anmerkungen gleichmäßig verteilen.
92 neue Fragen für die Tiefenstruktur
Die 92 Fragen der Tiefenstruktur musste Dieterich vollkommen neu entwickeln, da es in der Literatur und in bisherigen Testverfahren keinen Ansatz gab, der mit der Förderungsdiagnostik des PST‑R vereinbar wäre. Verwendet wurden tiefenpsychologische Ansätze von Riemann, die von Jung und Adler beeinflusst waren.
Neu im PST‑R: Kontrollüberzeugungen
Bei der Revision vom PST zum PST‑R kamen die Kontrollüberzeugungen hinzu. Hintergrund: Ein Mensch reagiert auf Situationen aufgrund seiner Vorerfahrungen, Erwartungshaltungen und seines Handlungsziels. Rotter unterschied 1982 die internale Kontrollüberzeugung (die Kontrolle über den Zusammenhang von Handlung und Ergebnis wird in der eigenen Person gesehen) und die externale (sie wird außerhalb der eigenen Person gesehen).
Geprüft nach Testgütekriterien
Der PST‑R erfüllt die klassischen Gütekriterien der psychologischen Diagnostik: Validität, Reliabilität, Objektivität, Normierung sowie Ökonomie und Nützlichkeit.
Den PST‑R heute kennenlernen
Schichtenmodell, Globalfaktoren, Einsatzgebiete und Ablauf — alles zum PST‑R in seiner heutigen Form.